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Einweihung des Kreishauses am 18. Juli 1913. Foto: Joseph Becker, Wittlich

Ein stattliches Gebäude mit neuester Technik in historischer Bauweise wird eingeweiht. Am Freitag, den 18. Juli 1913 – ein gutes Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs,  war halb Wittlich im Sonntagsstaat auf den Beinen, um die Einweihungsfeierlichkeiten des Kreishauses mitzuerleben. Feuerwehr, Gesangverein, Armee-Musikkapelle und die Honoratioren aus dem damals bestehenden Kreis Wittlich feierten das neue Kreishaus. Der Wittlicher Fotograf Joseph Becker hielt das Ereignis mit der Kamera fest. Ihm ist eine hervorragende SW-Aufnahme gelungen, die auch noch gezoomt Einzelheiten gut erkennen lässt. Die alte Fotografie befindet sich heute im Kreisbildarchiv Bernkastel-Wittlich.

Die Freude über das schöne Kreishaus dürfte groß gewesen sein, besonders bei den Bediensteten der Kreisverwaltung, die nun mit ihrem Landrat in den neuen Amtsstuben arbeiten konnten. Auch eine Telefonanlage mit einem Telefon war installiert. Über die Einrichtung, Einweihung und Betrieb des neuen Kreishauses geben hundert Jahre alte Akten des Kreisarchivs Auskunft.

Im repräsentativen Gebäude waren nicht nur Büros eingerichtet, sondern im Erdgeschoss eine großzügige Wohnung für den Landrat und seine Familie. Die Dienst- und Kindermädchen der Landratsfamilie sowie der Chauffeur des Kreis-oberen logierten unterm Dach. Auf dem Foto stehen an geöffneten Dachfenstern Frauen mit Kindern, die der Feier von oben aus zusehen. Es könnten die Kinder des Landrats und eine der Frauen könnte Frau Landrat selbst sein, denn unten bei der Feier vor dem Kreishaus sind unter den Festgästen eigentlich auf den  ersten Blick nur Männer auszumachen.  Lediglich am äußeren Rand stehen ein paar Frauen mit Kindern. Die schriftliche Einladung zum anschließenden Festfrühstück um 12.00 Uhr im Wittlicher Casino richtet sich auch nur an die »Herren, welche sich an dem gemeinsamen Frühstück beteiligen wollen«. Landrat Karl Ferdinand Semper steht, gestützt auf einen Gehstock, in der Bildmitte. Unter den Herren in seiner Nähe müssen sich die Ehrengäste, der Oberpräsident der Rheinprovinz, Freiherr von Rheinbaben, Fritz von Wille und Paul Schultze-Naumburg, befinden.

Eigentlich hätte das neue Kreishaus nach Plänen des Kreisbaumeisters Johannes Vienken etwas einfacher errichtet werden können. Er hatte damals unter anderem schon die große Wittlicher Synagoge, den Umbau des Wittlicher Rathauses, Schulen, Geschäftshäuser, Amtsgebäude im ganzen Landkreis Wittlich geplant und gebaut. Doch die Kreisväter hatten mit Blick auf die prosperierende Stadt und deren Vergangenheit als Burg- und Schloss-Sitz Höheres im Sinn. Am 3. März 1911  stimmten alle Mitglieder des Kreistags für den Neubau eines Kreishauses auf einem Grundstück am Stadtausgang Richtung Wengerohr, das dem Kreis seit 1908 gehörte. Den Auftrag zur Planung und Errichtung des neuen Kreishauses bekam der damals deutschlandweit bekannte Architekt Paul Schultze-Naumburg. Die Korrespondenz in der Amtsakte mit dem Titel »Das neue Kreishaus« 1911-1912 zeigt, dass sich  die ursprüngliche Kreishausplanung allmählich zu einem kleinen Kreisschlösschen wandelte, ähnlich dem ehemaligen Wittlicher Jagdschloss Philippsfreude. Vielleicht auch, weil von den Saalecker Werkstätten, deren Leiter Paul Schultze-Naumburg war, sein Buch „Das Schloss“ im Sommer 1911 auf Wunsch des Landrats zugesandt wurde.  Paul Schultze-Naumburg, der gefragte Architekt, der für seine historisch exakten Nachbauten geschätzt wurde, legte einen großzügigen Bauplan vor, ähnlich den Landschlössern, die er bereits geplant und gebaut hatte. Das Kreishaus erhielt einen auch für damalige Verhältnisse repräsentativen Sitzungssaal, ein anschließendes Kaminzimmer sowie eine herrschaftlichen Landratswohnung. Zwei dem Haustrakt vorgelagerte Torhäuser waren vorgesehen – das eine sollte als Auto-Garage mit Chauffeurwohnung und das andere als Gendarmenwohnung dienen.

An Neujahr 1913 stand das Gebäude. Mit den Innenarbeiten konnte begonnen werden. Die Kosten der gesamten Anlage betrugen 201.000 Mark.

Für eine künstlerische Verschönerung des Innenbereichs war der damals ebenfalls bekannte Eifelmaler Professor Fritz von Wille engagiert worden. Wie war es dazu gekommen? Der Kreistag hatte wohl zur Kenntnis genommen, dass die Kreisverwaltung Daun den neuen Besitzer der Burg Kerpen, den Künstler Fritz von Wille mit einigen Bildern für den Sitzungssaal ihres ebenfalls neuen Kreishauses beauftragt hatte. Dem Nachbarkreis wollte man in Wittlich sicherlich nicht nachstehen und gab  für das neue Gebäude beim Künstler einen weit größeren Auftrag ab. Er sollte Landschaftsbilder aus dem Kreis anfertigen, auch Gemälde über zum Teil mehrere Meter Länge sowie Wandgemälde im Sitzungssaal und im Kaminzimmer. Die Kosten von 12.000 Mark wurden übrigens durch eine Staatsbeihilfe von 8.000 Mark und der Rest durch Spenden aus dem Kreis Wittlich abgedeckt.

Heute ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ein im Verhältnis kleinerer Teil der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich. 1979 hatte das Kreishaus nach der Zusammenlegung der Kreise Wittlich und Bernkastel 1969 einen viergeschossigen Anbau mit verbindender Eingangshalle, einem Zentralarchiv und einen großen Sitzungssaal erhalten. Die Kosten der Erweiterung inklusive der Sanierung des Altbaus betrugen rund 11,5 Millionen Mark. Im letzten Jahr stand eine Generalsanierung des alten Daches an.

43 Jahre nach der letzten Erweiterung platzt die Kreisverwaltung wieder aus den Nähten. Kein Wunder, im Gegensatz zum Einweihungsjahr 1913 mit rund 30 Beschäftigten und zu dem Erweiterungsjahr 1979 mit 230 Beschäftigten arbeiten derzeit im Kreishaus rund 290 Personen – die Gesamtzahl aller Beschäftigten auch in den Außenstellen und auf Vertragsbasis ist um einiges höher.

Die ehemaligen privaten landrätlichen Wohnräume sind schon lange in Arbeitszimmer umfunktioniert worden. Der sehenswerte historische Sitzungssaal des Kreishauses dient jedoch noch immer seinem Zweck als Besprechungs-, Konferenz- und Veranstaltungsraum.

Der Architekt Paul Schultze-Naumburg

Der Architekt Paul Schultze-Naumburg war durch seinen Vater zum Doppelnamen gekommen.  Eigentlich hieß dieser nur Gustav-Adolf Schultze. Weil der Vater während seines Kunststudiums - er wurde später Porträtmaler - wegen eines weiteren Kommilitonen, der den gleichen Nachnamen trug, zur Unterscheidung "Schultze-Naumburg" nach seinem Geburtsort gerufen wurde, übernahm der Sohn diesen Doppelnamen später quasi als Künstlernamen.
Paul Schultze-Naumburg wuchs im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf. Obwohl er eigentlich eine Ausbildung zum Kunstmaler absolviert hatte und nur als Gasthörer zwei Semester Architektur hörte, machte er sich einen Namen vor allem als Architekt, zuvor aber als Buchautor, der mit einer von ihm neu geschaffenen Buchreihe namens "Kulturarbeiten", die von 1901 bis 1917 erschien, auf den negativen Wandel der Landschaft und des Lebensumfeldes der Menschen durch die einsetzende Industrialisierung hinwies. Die Buchreihe war äußerst erfolgreich und Paul Schultze-Naumburg quasi ein Bestseller-Autor geworden. Da er vor allem auf den Niedergang der Architektur eingegangen war und die traditionelle überlieferte Bauweise des 18. und frühen 19. Jahrhunderts als leuchtendes Bespiel vorstellte, wurde er zum gefragten Architekten Anfang des 20. Jahrhunderts. Er brachte zwar keine neuen stilistischen Bauelemente ein, schuf jedoch qualitativ gute Architektur-Arbeiten auf historischer Basis.  Damit hatte er den Puls der Zeit getroffen und schien für die Bau-Vorstellungen des Landrats der ideale Architekt. (Die Originalpläne befinden sich in der Karten- und Plänesammlung des Kreisarchivs). Als er den Wittlicher Auftrag annahm, war er Anfang 40. Im Jahr 1912 hatte er gerade auch einen Auftrag von Kaiser Wilhelm II. in Potsdam für die Erbauung eines Schlosses angenommen.

Ab Mitte der 1920er Jahre wandte er sich allerdings dem Nationalsozialismus zu, dessen Rassenhass er mit eigenen Ideen zur Züchtung des schönen, vornehmen Menschen mittels Veröffentlichung eines Buches "Kunst und Rasse" 1928 unterstützte. 1930 trat er in die NSDAP ein, war 1932 bis 1945 Mitglied des Reichstags. Paul Schultze-Naumburg stand in den frühen Jahres des Nationalsozialismus Hitler und seinem Kreis zeitweise sehr nahe. Als Kultursachverständiger betrieb er u. a. aktiv Kunst- und Buchverbote bzw. bereitete sie vor. Er war der Architekt, der 1935 für Hitler die Nürnberger Oper umbauten sollte, der sich aber auch deswegen mit Hitler überworfen haben soll.

Der Künstler Fritz von Wille

Hatte doch auch Kaiser Wilhelm II. von ihm im Jahr 1908 das Bild "Die Blaue Blume" für sein Jagdschloss in Ostpreußen erworben, und war er nicht auch persönlich dem Kaiser in Daun vorgestellt worden? (diesen Augenblick hatte der Wittlicher Fotograf Joseph Becker übrigens auch mit seiner Kamera festgehalten.). Und war ihm nicht 1910 auch noch der Professorentitel verliehen worden? All diese Informationen spielten sicherlich eine Rolle bei der Wahl des Künstlers für den Großauftrag zur Ausschmückung der neuen Kreisräume. Die beiden großen Aufträge der benachbarten Kreisverwaltungen Wittlich und Daun stellten übrigens einen Höhepunkt des künstlerischen Schaffens Fritz von Willes vor dem Ersten Weltkrieg dar, der seit dem Wittlicher Auftrag erstmals auch Moselmotive in sein künstlerisches Repertoire aufnahm. Fritz von Wille wird als "der Eifelmaler" bezeichnet. Er stammte aus einer Künstlerfamilie und schuf beachtenswerte typische Eifelansichten. 1930 wurde er 70 Jahre alt, am 16. Februar 1941 starb er. Stand er im hohen Alter dem Nationalsozialismus nahe? Zwei Bücher mit nationalsozialistisch gefärbter Kommentierung seiner Bilder wurden herausgebracht, das eine von Ludwig Mathar und das andere von Peter Kremer verfasst. In Lebensbeschreibungen wird sein zeitweiliges Mitgehen mit den braunen Machthabern nur kurz angesprochen.